Aus dem Umfeld

Ein Kopfstand ist selten die Lösung

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Der eigene Standpunkt und Blickwinkel sind wichtig, schränken aber die Sicht ein, so dass Probleme nicht erkannt und naheliegende Lösungen nicht gesehen werden. Ein Perspektivenwechsel kann erstaunliche Erkenntnisse liefern.

In einer 2006 von Forschern der Johns Hopkins University durchgeführten Studie wurden Operationsteams an 60 Kliniken über ihre Wahrnehmung von Teamarbeit, Kommunikation und Führung im Operationssaal befragt.1 Ca. 87 Prozent der Chirurgen bewerteten die Kommunikation und Zusammenarbeit mit dem OP-Pflegepersonal als gut oder sehr gut, aber nur 48 Prozent der OP-Schwestern und -Pfleger gaben den Chirurgen die gleiche Bewertung. 1 Die Forscher waren überrascht, wie unterschiedlich die Eindrücke waren, fast so, als ob Schwestern und Chirurgen nicht im selben Team arbeiteten. Offenbar hatten beide Seiten eine andere Vorstellung davon, was eine gute Zusammenarbeit im OP auszeichnet. Für die Mediziner war ausschlaggebend, dass die Schwestern voraussahen, was gerade gefordert war und dass sie ihre Instruktionen befolgten. Für die Schwestern war es wichtig, dass der Beitrag, den sie während einer OP leisteten, respektvoll gewürdigt wurde.1

Selbstbild hinterfragen

Beide Sichtweisen haben ihre Berechtigung, doch entscheidend ist der Unterschied zwischen Selbstbild und Fremdwahrnehmung. Kommt es aufgrund der verschiedenen Erwartungen und Ansichten zu Missverständnissen, steht die Patientensicherheit auf dem Spiel. Tatsächlich haben Studien zeigen können, dass gutes teamorientiertes Verhalten die Patientensicherheit erhöht.1 – 3 Dazu gehört, dass Teammitglieder sich untereinander vertrauen und auch dem Operateur kritisches Feedback geben. Erst ein Wechsel der Perspektive ermöglicht es, sich in die Teamkollegen hineinzuversetzen und gleichzeitig etwas über sich und seine Aussenwirkung zu erfahren. Offenheit für die Bedürfnisse der Anderen, Einfühlungsvermögen und Selbstkritik sind dabei gefordert.

Leichter Lösungen finden

Ein anderer Grund, eingetretene Denkpfade zu verlassen, ist die Chance zur Problemlösung. Bei manchen Fragestellungen und Herausforderungen sieht man den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen nicht, zum Beispiel in der Diagnostik: Je mehr Laborwerte und andere Parameter erhoben werden, umso mehr Fragen können sich auftun. Auch die tägliche Routine kann verhindern, dass wir eine naheliegende Lösung erkennen. So sähen die Wartezonen in der Klinik möglicherweise anders aus, wenn wir sie mit den Augen der wartenden Besucher betrachteten. In diesen Fällen hilft es, Distanz zu gewinnen, Gewohntes neu zu denken, Bewährtes zu hinterfragen und für Veränderungen offen zu sein. Studien haben übrigens gezeigt: Wer es sich leicht vorstellen kann, die Umgebung durch die Augen eines anderen zu sehen, ist auch eher zu Empathie fähig.4

Besser verhandeln

Die Fähigkeit, die Welt aus der Sicht einer anderen Person zu betrachten, ist eine soziale Kompetenz, die auch für den Erfolg von Verhandlungen auschlaggebend sein kann.5 Wer Kollegen oder Vorgesetzte von einer neuen Idee überzeugen will, kann seine Argumente gezielter einsetzen, wenn er die Position und Motivation des Anderen versteht. So kann es gelingen, dass der zu Überzeugende den Nutzen für sich selbst entdeckt oder man gemeinsam zu ganz neuen, noch besseren Lösungen kommt.

In der berühmtesten Szene aus dem Film «Der Club der toten Dichter» steigt Literaturlehrer John Keating, alias Robin Williams, auf den Tisch, um einen Perspektivenwechsel zu demonstrieren und erklärt seinen Schülern «Gerade wenn man glaubt, etwas ganz sicher zu wissen, muss man es aus einer anderen Perspektive betrachten, selbst wenn es einem albern vorkommt und unnötig erscheint. Man muss es versuchen.»

Sie müssen nicht immer einen Schreibtisch erklimmen, um die Welt aus einem neuen Blickwinkel zu sehen. Auch ein Kopfstand hilft da selten weiter. Viel wichtiger ist es, liebgewonnene Routinen zu durchbrechen, mutig sich neuen Herausforderungen zu stellen und Menschen vorurteilsfrei mit Empathie zu begegnen. Wer den Perspektivenwechsel wagt, verändert sein Leben und wird mit mehr Handlungsspielräumen und einem erweiterten Horizont belohnt. 

Tipp

Zum Weiterlesen

Anja Niekerken
15 ungewöhnliche Perspektivwechsel für Führungspersönlichkeiten: Von der Kunst, die Welt mit anderen Augen zu sehen. 
Independently published, 2018

Anja Förster, Peter Kreuz
Zündstoff für Andersdenker. 
Murmann Publishers, 2017

Frauke Ion
Ich sehe was, was du nicht siehst: Durch Perspektivwechsel zu besseren Ergebnissen.
Haufe Lexware. 4. aktualisierte und GABAL Verlag, 2014
 

Referenz

Quellen­angaben

  1. Makary MA, Sexton JB, Freischlag JA, et al. Operating room teamwork among physicians and nurses: teamwork in the eye of the beholder. J Am Coll Surg 2006;202(5):746–52.
  2. Manser T. Teamwork and patient safety in dynamic domains of healthcare: a review of the literature. Acta Anaesthesiol Scand 2009;53(2):143–51.
  3. Risser DT, Rice MM, Salisbury ML, et al. The potential for improved teamwork to reduce medical errors in the emergency department. Annals of Emergency Medicine 1999;34(3):373–83.
  4. Erle TM, Topolinski S. The grounded nature of psychological perspective-taking. J Pers Soc Psychol 2017;112(5):683–95.
  5. Galinsky AD, Maddux WW, Gilin D, et al. Why it pays to get inside the head of your opponent: the differential effects of perspective taking and empathy in negotiations. Psychol Sci 2008;19(4):378–84.

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