Interview

«Auch bei defizitärem Kreuzband haben Uni-Prothesen zu guten Bewegungs­mustern geführt»

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Unikondylärer Kniegelenkersatz wird nur selten eingesetzt, obwohl er funktionell einer Totalendoprothese überlegen ist. Inwieweit Patienten mit einer VKB-Insuffizienz von einer Teilprothese profitieren, hat Dr. Zumbrunn an der ETH Zürich untersucht.

Herr Dr. Zumbrunn, worum geht es bei Ihrer Studie?

Wir wissen, dass der unikondyläre Kniegelenkersatz hinsichtlich der Kinematik einer Totalendoprothese überlegen ist. Dennoch werden zu über 90% Knietotalimplantate eingesetzt. Die meisten Orthopäden betrachten die Insuffizienz des vorderen Kreuzbandes (VKB) als Kontraindikation für eine unikompartimentelle Kniearthroplastik (UKA). Wir haben die Hypothese aufgestellt, dass bei vorliegender VKB-Insuffizienz eine entsprechend veränderte Platzierung der Uni-Prothese dennoch zu einer vergleichbaren Kinematik führen kann wie eine herkömmliche UKA bei intaktem VKB.

Dazu haben wir konventionell operierte UKA-Patienten mit intaktem Kreuzband verglichen mit Patienten, die ein defizitäres Kreuzband aufwiesen und bei denen die gleiche Uni-Prothese implantiert wurde. Jedoch wurde die Prothese mit einer reduzierten Tibia-Neigung eingesetzt, um die fehlende Funktion des Kreuzbandes zu kompensieren. Die dynamische Funktionalität des Kniegelenks haben wir bei verschiedenen Alltagsaktivitäten wie Gehen, Treppensteigen, Kniebeugen etc. untersucht und die Ergebnisse beider UKA-Gruppen miteinander verglichen.

Was ist die aus Ihrer Sicht wichtigste Erkenntnis aus der Studie?

Die wichtigste Erkenntnis ist, dass unikondyläre Knieprothesen auch bei defizitärem Kreuzband zu guten Bewegungsmustern des Kniegelenks führen. Insbesondere konnten wir ähnliche rotarische und translatorische Bewegungsumfänge messen wie bei konventionellen UKA-Patienten. Diese sind höher als beim totalen Kniegelenkersatz. Somit besteht die Möglichkeit, Patienten mit einer weniger invasiven Versorgung ein gutes Bewegungsgefühl zu ermöglichen. Ob diese Methode langfristig klinischen Erfolg bringt, müssen Langzeitstudien noch zeigen.

«Die wichtigste Erkenntnis ist, dass unikondyläre Knieprothesen auch bei defizitärem Kreuzband zu guten Bewegungsmustern des Kniegelenks führen.»

Warum denken Sie, dass der unikondyläre Gelenkersatz in der Orthopädie zunehmend wichtiger werden wird?

Der Grund ist, dass mit unikondylärem Gelenkersatz generell ein besseres Bewegungsgefühl und verbesserte Mobilität, insbesondere bei sportlichen Aktivitäten, erreicht werden kann. Darüber hinaus ist bei Uni-Implantationen ein geringeres Risiko von Infektionen und eine schnellere Rehabilitation zu erwarten, da die Operation weniger invasiv ist als bei totalem Kniegelenkersatz. Es gibt mehr und mehr jüngere Patienten, die noch sportlich aktiv sein wollen und denen Alltagsaktivitäten allein nicht ausreichen. Die unikompartimentelle Kniearthroplastik eröffnet zudem weitere Optionen für eine spätere Revision durch den weitgehenden Erhalt des natürlichen Knochens.

Was bedeutet dieser Trend für Hersteller, Orthopäden und Patienten?

Der Markt für partiellen Kniegelenkersatz wird tendenziell wachsen, so dass Hersteller die Entwicklung neuer Implantate und Operationstechniken in diesem Bereich hoffentlich vorantreiben. Orthopäden werden vermehrt von Patienten nach möglichst schonenden Eingriffen gefragt und die Uni-Prothese bietet dazu die Möglichkeit. Das erfordert allerdings, dass Chirurgen regelmässig Uni-Prothesen einbauen, um die nötige Routine zu erlangen. Denn eine Erhöhung der Fallzahlen wirkt sich positiv aus auf die Überlebensrate. Es wurde ausserdem suggeriert, dass Uni-Prothesen bei bis zu 50% der Patientenpopulation indiziert sind, aber nach den heutigen Fallzahlen nur bei knapp 10% eingesetzt werden.

«Es gibt mehr und mehr jüngere Patienten, die noch sportlich aktiv sein wollen und denen Alltagsaktivitäten allein nicht ausreichen.»

Welchen Einfluss haben Ihrer Meinung nach die technologischen Entwicklungen wie Robotik, patientenspezifische Implantate, Gelenkersatz aus dem 3D-Drucker etc. auf den Kniegelenkersatz generell?

Insbesondere bei Uni-Prothesen können computergestützte Systeme die Häufigkeit von Ausreissern reduzieren, wie beispielsweise die Zahl der Fälle, die ausserhalb eines präoperativ definierten sicheren Bereichs liegen. Ob patientenspezifische Implantate eine Verbesserung zur Folge haben, ist nicht erwiesen. Die Implantate jedoch konstant richtig einzusetzen, ist wünschenswert. Vielleicht kann Robotik dazu beitragen, allerdings zu einem erheblich höheren finanziellen Aufwand, was das Gesundheitssystem weiter belasten würde. Theoretisch könnten Orthopäden mit kleinen Fallzahlen von Robotik profitieren, praktisch werden sie diese wohl nicht erhalten. Den Einsatz von 3D-Druck für artikulierende Implantate sehe ich im Moment weniger realistisch, jedoch für die Instrumentierung gibt es sicher sinnvolle Anwendungen. Schliesslich ist es am wichtigsten, eine zuverlässige und reproduzierbare Operationstechnik anzubieten – egal mit welchen Hilfsmitteln.

Herr Dr. Zumbrunn, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch!

Dr. Thomas Zumbrunn,

Entrepreneur / ETH Zürich und unabhängiger Knie Berater, war bis Ende April 2019 Senior Development Engineer bei der Mathys AG Bettlach. Von 2015 bis 2018 promovierte der Bioingenieur und ehemalige Alpinski-Rennläufer an der ETH Zürich, wo er die Studie zur unikompartimentellen Kniearthroplastik (UKA) bei Patienten mit alternativer Implantat Indikation und modifiziertem chirurgischem Protokoll leitete. Zuvor unterstützte Dr. Zumbrunn als Research Consultant am Massachusetts General Hospital (Boston, USA) Teams von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Klinikern bei der Entwicklung von Knie- und Hüftendoprothesen in Zusammenarbeit mit der Industrie.

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