Interview

«Nicht jedem Trend hinterher rennen»

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Die einen sehen in roboterassistierten OPs und patientenspezifischen Implantaten die Zukunft der Endoprothetik – die anderen eine kostspielige Marketing- und  Modeerscheinung. Kniespezialist Prof. Dr. Eggli vertraut auf klinisch erprobte Implantate und den Bänderspanner.

Herr Professor Eggli, was ist Ihre Meinung in der Diskussion rund um patientenspezifische Implantate und Instrumente?

In den letzten Jahren hat die Wissenschaft und Industrie mit grossem Aufwand versucht, den künstlichen Gelenksersatz immer raffinierter an die Anatomie des menschlichen Kniegelenks anzunähern. Bis dato sind leider die klinischen Resultate nicht besser geworden. Der Hype um die patientenspezifischen Implantate (PSI), den ich nie geteilt habe, ist schon wieder am Abklingen. Bezüglich der PSI gibt es nach wie vor keine wissenschaftliche Evidenz, die den Nutzen tatsächlich belegen kann. Was jedoch ganz klar belegt ist, sind die höheren Kosten und der Mehraufwand – zwei heikle Faktoren in der heutigen Diskussion. Sicherlich würden all diese Innovationen den Kriterien «Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit» (WZW) eines Health Technology Assessements nicht standhalten.

«Bezüglich der PSI gibt es nach wie vor keine wissenschaftliche Evidenz, die den Nutzen tatsächlich belegen kann.»

Robotik ist auch im Operationssaal auf dem Vormarsch. Was halten Sie von diesem Trend in der Orthopädie?

Nachdem wir in über 20 prospektiv randomisierten Studien nach Einführung der computernavigierten Knieprothesenimplantation und PSI nachlesen konnten, dass die möglichst genaue Schnittführung keinen Einfluss auf das klinische Resultat hat, kommt jetzt diese Geschichte schon wieder – wissenschaftlich gesehen «zum dritten Mal aufgewärmte Spaghetti». Nur jetzt noch mit einem immens grösseren Aufwand und Investitionskosten. Die Primärlogik sagt mir, dass daraus ausser einem gewissen Marketingeffekt für den Chirurgen kein Nutzen für den Patienten resultieren wird; zumal schlussendlich ein «0815-Standardimplantat» eingebaut wird.

«Sowohl die weichteilbalancierte Technik als auch die knochenorientierte Technik haben spezifische Vor- und Nachteile.»

Statt Navigation, PSI, Robotic sowie patientenspezifischen Implantaten vertrauen Sie in der Knieendoprothetik auf den Bänderspanner und klinisch erprobte und dokumentierte Implantate. Warum und welche Resultate erzielen Sie damit?

Wie schon angedeutet, haben sich durch all die marketinggetriebenen Innovationen die Resultate leider nicht wesentlich verbessert. Die LCS®-Knieprothese, die vor über 40 Jahren eingeführt wurde, hat nach wie vor eine der tiefsten Revisionsraten in den Registern – wie übrigens auch das balanSys-System. Wenn man eine Technik gut beherrscht und ein Implantat gut kennt, sollte man nicht jedem Trend hinterher rennen und ausprobieren, um die gesamte «learning curve» dann wieder seinen Patienten zumuten. 

«Der Hauptvorteil der weichteilorientierten Technik besteht darin, dass die prothetische Komponente an das Knie des einzelnen Patienten angepasst werden kann.»

Sowohl die weichteilbalancierte Technik als auch die knochenorientierte Technik haben spezifische Vor- und Nachteile. Chirurgen mit geringen Fallzahlen sollten sich eher der knochenorientierten Technik zuwenden, da die Weichteilorientierung etwas mehr Know-how über den Effekt der verschiedenen Release Techniken abverlangt und demzufolge die «Ausreisser-Quote» tendenziell auch höher ausfällt. In geübten Händen liefert die Technik aber sehr schöne und reproduzierbare Ergebnisse – gerade bei komplexen ligamentären Problemen. In diesen Fällen lässt sich die Stabilität des Kniegelenks in sämtlichen Flexionsgraden wesentlich besser beeinflussen, und zwar einfach mechanisch in vivo gemessen, ohne computertomographische Planung, technische Assistenten im OP und vor allem ohne Roboter! 

Wo sehen Sie die Vorteile bei einer patientenspezifischen, weichteilorientierten Operationstechnik?

Der Hauptvorteil der weichteilorientierten Technik besteht darin, dass die prothetische Komponente an das Knie des einzelnen Patienten angepasst werden kann. Da der Release den Knochenschnitten vorausgeht, können diese entsprechend der endgültigen Ausrichtung der Femurkomponente durchgeführt werden, und sowohl die Gelenklinie als auch die Grösse der Komponente können angepasst werden. Im Gegensatz dazu besteht das Grundprinzip der knochenorientierten Technik darin, dass vor dem Release eine entsprechend der Implantatgrösse bestimmte Knochenmenge sowohl von der proximalen Tibia als auch vom distalen Femur entfernt wird. Nachträglich können Anpassungen nur noch durch Höhenänderung des Polyethylens vorgenommen werden.

Herr Prof. Eggli, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch!

Dieses Interview widerspiegelt ausschliesslich die Meinung von Prof. Dr. med. St. Eggli.

Prof. Dr. med. Stefan Eggli

ist seit 2010 CEO des Hospitals Sonnenhof in Bern (Schweiz), wo er die Abteilung Sport- und Kniechirurgie leitet wie schon zuvor am Universitätsspital Bern. Seine Orthopädische Ausbildung hat er nebst Fellowships in den USA, Frankreich und Deutschland bei so renommierten Koryphäen wie Prof. R. Ganz und Prof. Maurice E. Müller absolviert. Das operative Spektrum des Facharztes für Orthopädie und Traumatologie des Bewegungsapparates umfasst u. a. die Kniearthroplastik, Kreuzband- und Meniskuschirurgie, Knorpeltransplantationen sowie die Behandlung komplexer Bandverletzungen. Zudem forscht Prof. Eggli im Bereich neuer Prothesendesigns und ist massgeblich an der Weiterentwicklung von kreuzbanderhaltenden Operationstechniken (DIS) beteiligt. Prof. Eggli wurde mehrfach ausgezeichnet und hat zahlreiche Fachartikel und Buchkapitel veröffentlicht.

Linktipp

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